helligkeiten.

Amedeo Modigliani, via Wikimedia Commons
amedeo modigliani, via wikimedia commons

 

 

 

 

es war ein bezaubernder anblick -
überaus weich und verträumt und schön.

 - mark twain

 

 

fast schon ein frühling
die geäderte haut wenn das sehen
sich weitet die dehnung des raums
der horizont eskaliert das licht ...

wie viel das ausmacht: ein paar
vögel offene fenster grüne spitzen

  

im puppenhaus.

 

mein grünes herz tanzt …

 - friederike mayröcker

 

 

in der zwischenzeit übe ich
das gehen auf weissem papier.
ich zähle nicht die tage
als hüterin gefiederter hand
taschen (mit inhalt & ohne),
von franzbranntweinflaschen,
pillendöschen, auch silber
mäntelchen, johanniskräutchen,
qualitäts!brennesseln, von zahl
losen dokumenten & papieren
unter den bergen in den ecken
meiner zimmer. bald & ganz
bestimmt finden sie den weg.
auch die packungsbeilage
nehmen sie bitte mit, madame!  

  

ganz einfach.

meine mitbewohnerin ist ein zirkuskind. es pfeift
auf den rest der welt, züchtet flöhe unter dem bett,
hält sich an gaukler, spielmänner, zahlencodes.

immer dreht es sich im kreis & wartet auf applaus.

solange die maske hält, ist alles gut.

 

die nummer erinnert an früher, als ich die zukunft

träumte & nichtsdestotrotz ums leben ruderte.

damals, im grossen kartenhaus über dem nebelmeer,

mit wochenendkindern & zornigem mann.

– lang ist’s her.

 

jetzt bin ich alt & leise, setze den fuss in die luft, 
verliere ich mich im blau. 
ich putze vier katzen & 
einer seiltänzerin hinterher. 
die wirklichkeit 
verblasst mit der zeit; das macht es leichter.  

– und doch.

 

ich wünsche mich in unversehrte tage.

wo ich nur ich bin. ohne schlangenlinien,

hochseilakte, fliegende seitenwechsel.

wo nachts nacht ist & tags hellichter tag.

– ganz einfach.

 


dilemma.

 

muschelsucher bevölkern die landschaft

ein alter fisch schwimmt zu den sternen
in der gegenrichtung kein lichtblick

 

sackgasse.

 

eine katze geht übers brot

die uhren stehen still

nur der spiegel leuchtet

 

immer es ist kalt

in diesem haus

und immer ist es dunkel

 

aber was weiss ich

ein fisch

und ohne gefühl

 

forevermore.

 

du fällst

aus dem baum aus dem haus aus dem leben

aus dem offenen wagen in einer kurve …

 - friederike mayröcker

 

 

immer ist 1 murmeln und flüstern

sind wahrnehmungen leise (weise) 

wirklichkeiten denn siehst du nicht 

das dünnhäutige seelchen auch hell

sichtige kind jenes innere flackern
und das ganze schutzlose wesen 

 

wenn 1 gehauchtes wort das zimmer 

verlässt die wände malen möchte man

jene stirn jene hände möchte man 

vergissmeinnichtblau mit löwenzahn

spitzen an den rändern an den blatt

rändern und auf zettelchen 

 

wo gratwanderungen mit fahrigem stift 

geschrieben sind und bleiben abgründe 

abstürze sturzbäche neben streifungen 

flüchtigkeiten auch jene triftige liebe 

- diese nährsubstanz der sinne –

von lilienfisch und taube 

 

verbindendes verbindliches fixieren

(lebenslänglich) auf und unter der 

haut auch seitenblicke leicht abwesend 

bis fahrig verworren die geschichte

bleibt 1 herz filigran forever my love 

and ever undsoweiter 

 

 

für friederike mayröcker.

 

crescendo al niente.

 

„der anblick der blumen nimmt wunden.“

 

 

heiter sei der grund unter den blüten,

den freundlichen fischen, dem licht -

weiche, leise harmonien, akkorde,

bewegungen der hände.

 

und wirklich sei das leuchten.

jetzt. hier. der bläuliche duft,

die tieferen wasser, die bleibende zeit.

der wind. die welle. ein einzelner stein. 

 

forza e fortuna.

 

bald sitzt man im untergrund
mit gartenhaus und katze

hier tanzt der elefant
die wörter leuchten

der dichter dreht sich
beflügelt im kreis

farben, farben! ein halleluia
& herzlich

 

 

für beat brechbühl zum 75. 

déjà vu.

 

besetzte eine landschaft dir das herz 

déjà-vu aus alten träumen jenes 

verwitterte haus durchlebt mit offenen

fenstern einem regenschirm im garten 

einer schnapsflasche in der küche diese 

geschichten am tisch diese jahre und 

wieder die nackten füsse der kinder 

auf der treppe das lachen der hunger 

die liebe fände dich eine heimat eines 

schönen tages fände dich ein glück

 

zuckerwatte.

 

manchmal träumt sie

von spitzbergen und

sortiert ihr leben nicht

neu nur etwas anders fast

möchte man glauben es

gelingt an diesem morgen

ohne fragen im gesicht mit

dem geschmack von zucker

watte im mund ein fisch

verfault zuerst im kopf

sagt er meistens 

ist es anders

 

herbst.

 

als das kind kind war, wusste es nicht, dass es kind war.

- peter handke

 

 

ich mache die tage fest an bildern. blieben sie mir, 

hielte ich diesen herbst nicht in der hand. eine zeit 

wie keine andere. 

 

ins licht getaucht blendet sie mich zurück zum vater, 

der nur töchter hatte, zur mutter & ihren begleitern.

am himmel franst die sonne aus.

 

quer über den see gezeichnet die schatten der bäume, 

ein paar möwen, in den zweigen letztes laub. 

meine wörter sind müde. 

 

ein seidener faden die stille, das herz undsoweiter.

 

vielleicht auch.

 

wohin du auch gehst, 

geh mit deinem ganzen herzen.

- konfuzius

 

 

zur falschen zeit am falschen

ort gingen die uhren richtig 

fanden die kinder die väter

nicht und umgekehrt fragt man

nach dem sinn zeigen sich

die gründe fürs bleiben hinter

den jahren hinter der zeit

 

in der hilflosigkeit der mütter

am ende der kette all jener

früheren bilder gleichen wir

ihnen wie perlen und mehr

als im wasser wurzeln wir nicht

fassbar für die andern in der

luft die wir atmen

 

im flüchtigen raum lernten 

wir geborgen sein was so viel 

einfacher wäre denn wörter 

aus steinen zu schälen zu warten 

zu hoffen zu glauben dass gut ist 

was ist und was wird

vielleicht auch

 

bleibende schäden.

 

in dieser stadt beisst der wind sich ins gesicht

fällt der schnee so leicht und leise kreuzen

blicke sich anders als sonstwo brennen meine

augen meene oogen wenn ich gehe. sterne

wachsen aus dem asphalt alte männer öffnen

die arme halten mich an. die tauben fliegen

hoch in dieser stadt offene briefe an den

lächerlichen füssen das untrügliche zeichen

erkannt zu sein von dieser freundlichen wärme

die meine linkische nacktheit vielleicht rührt

in dieser stadt verspricht ein frosch was er

zu halten vermag nur weiss jene verkleidete

prinzessin nichts von ihrem glück eine zarte

tänzerin mit traurigem blick auf blankem

parkett in einem raum mit abertausend

fluchtwegen türen herzen wörtern und linien

in dieser stadt sind die bettler schweigsam

wie hunde die häuser erzählen geschichten

aus zerbrechlichem licht hinter den fenstern

tragen stimmen helle töne ins innere meiner

landschaft in dieser stadt möchte man bleiben 

 

 

diesen text hören

 

irgendwie.

 

blütenjäger lippenfromme auch jade

farbene augenlider sag mir wie viele

tage mir bleiben wenn ich das landes

innere nicht zu beschreiben vermag

mit seinem duft nach leichtigkeit

nach sommerwiesen diese filigranen

luftzimmer in denen zikaden singen

 

weisst du meine ränder sind nackt und

trügerisch das laub im haar das leise

flüstern die schmalen fingernägel immer

bewegen wir uns zwischen den räumen

grenzgänger auch wechselbälger scheint

mir und ohne netz - mais c'est la vie

 

meine liebe c'est la vie! - es sind dreizehn

stühle es sind bäume vor den fenstern

da wo ich wohne oder bin und vielleicht

weisst nur du wovon ich rede so dahin

gestellt die vielen spiegelbilder auch

blendungen im kopf sitzt meine ganze

wahrheit und schweigt

 

stilbruch.

 

sprich langsam, schreib schön. 

- helwig brunner 

 

 

die ruhe trügt: es nähert sich 

eine ankunft noch vor dem 

ersten schnee - vielleicht ist 

das ja mit ein grund für alles 

sage ich alles nur keine sanft 

mütigen gelöbnisse keine 

weiteren leerläufe keine 

wundverbände mehr 

 

eine katze fällt immer auf 

die füsse meinen sie? der 

verpflichtungen sind genug! 

eigentlich ist es ganz einfach: 

ich stecke den kopf in die 

schachtel & zähle bis zehn 

so oder so reise ich meist 

unbemerkt & neben der zeit 

 

derweil die tage im nebel 

hängen spitze ich bleistifte 

rede laut & deutlich vor mich 

hin oder höre mir zu in der 

hand zerstreute dichter 

worte im auge den teppich 

mit lampe die bretter 

undsoweiter 

 

ich sitze nur grausam da.

 

die sprache ist ein grosser überfluss. 

- friedrich hölderlin 

 

 

kann sein die dunklen augen, der amsel

vogelblick, wo handzettel, staubschichten,

vergilbtes papier: behütete blüten.  kann 

sein und mich an wörtern blutig schreiben

 – trächtig lauerndes erinnern, zerrinnen 

zwischen pillen, salben, filzpantoffeln. 

 

kann sein auf dem küchentisch am fenster 

eine stimme, ein geruch, eine tröstung

schlurft durchs zimmer, unter die tasse, 

unter die haut. verblasstes geranien

blättchen, pelargonienhäutchen, sanfteste

zumutung einer abwesenheit. kann sein. 

 

ich, mein herr, bin nicht mehr 

von demselben namen.

 

alltägliches.

 

davon ausgenommen hübsche fremdworte 

leuchtende wolken helle vogelstimmen 

am morgen und beim einnachten ein glas 

gavi in der abendsonne oder zweidrei 

kerzen auf dem tisch mein privates abc 

und die wärme seines lichts das rauschen 

der buchen ihr wiegen und glitzern im 

sommerregen quer durchs bild fahrende

züge überhaupt diese welt da unten der 

dumpfe bass vom salzhaus die menschen 

im park die regelmässigen besuche des 

katers auch das unbändige einer alten 

hopfenpflanze die telefonstimme vom 

nachbarn oder die tangotänzer schräg 

vis-à-vis die idylle im fenster über mir 

ein paar krumme kreidestriche vor der tür 

die ruhe am sonntagmorgen das fahrige 

lächeln im geäst die fluchten diese tiefen 

schichten von glas

 

eine rose. eine stütze. ein wort.

 

wer ist schon da um objekt zu sein

wie diese kompakte kleine frau effekt

voll modelliert vom mund bis zu den

wörtern und hat nicht jedes fliegende

kleid seinen helden mit unauffindbarem

grab aber das ist, verzeihung, taktlos!

wie die geschichte von den augen den

verweinten einer schmalen dichterin

und gibt nicht jeder sich selbst und

der welt ein nachbearbeitetes bild

lässt beseitigen oder setzt seine besten

wünsche in die luft wie die flügel dieser

wurmstichigen taube ihr lächeln über

weichgezeichneten büchern buchstaben

an denen die blicke sich halten die

erinnerung ins rechte licht gerückt

das leben gefiltert entstört verwischt.

 

dumdidum.

 

die fallen sind gewürfelt

gedanken sind menschlich 

und irren ist frei

alles wird gut

nur mut!